Gerundeter Buchrücken

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Gerundeter Buchrücken

      Hi

      Ich habe ein Kochbuch mit geradem Block und Goldschnitt bekommen. Der Buchrücken ist gebogen. Das Problem war das der Block gehängt ist weil er zu schwer war. Meine Buchbinderin hat gemeint das da eine Hülse gehören würde (Ganz meiner Meinung). Dazu muß der Block auch rund sein (das hatte ich nicht mehr in Erinnerung). Sie hat als den Block gerundet und wieder gebunden.

      Problem ist das vorne die Hefte besonders am Rand (geometrisch klar) stufig erscheinen. Mir ist klar das das in diesem Fall nicht zu verhindern ist.

      Nur wie wird dieser Effekt bei der kunstgerechten Herstellung vermieden?
      Mein Blog über meine 1. Versuche als Buchbinder.
    • Hallo Georgius!

      Aus der Länge meiner Antwort erkennst Du wie komplex Deine Frage war. Aber egal - zuerst etwas zur Stabilität des Buches.

      Das ein Buchblock durchhängt ist nicht einfach zu verhindern. Man kann eigentlich nur eine gewisse Klammer im Bereich des Buchrückens erzeugen.

      Die beste Klammer kenne ich vom Sprungrücken. Aber man kann nicht jedes Buch als Sprungrücken anfertigen. Und wenn man ein Sprungrückenbuch falsch benutzt kann man es sehr schnell kaputt machen ……………. und ………………... der Buchblock hängt zuerst in kleinen Stücken und dann immer mehr durch.

      Bei den anderen Bindearten wird der Buchblock immer etwas durchhängen. Gravitation ist bei uns üblich. Will man diesen Effekt verringern, muss man irgendwie Stabilität in den Rücken des Buchblockes bringen. Die heutigen Leime helfen da ungemein. Die alten aber auch. Heißleime werden Knochenhart. Es gibt moderne Bücher oder Kataloge die im Bereich des Rückens hart wie Beton sind. Dann kann man sie aber nicht mehr ordentlich blättern.

      Der gute Buchbinder sucht einen Mittelweg, der ein ordentliches Blättern und Benutzen des Buches erlaubt und trotzdem eine ordentliche Form über eine lange Zeit bestehen bleibt. Ich beschreibe das extra so blumig weil es zwischen beiden Extremen sehr viele Varianten gibt. Vielleicht hast Du schon mal ein altes Buch gesehen. Früher wurde oft eine Fadenheftung auf echte Bünde durchgeführt. Die dicken Fäden sperren das Buch und geben ihm Halt. Heute werden textile Bänder oder Gaze zum Heften verwendet. Das ist viel flexibler. Früher wurde das Leder fest auf den gehefteten Buchrücken geklebt. Auch das sperrt. Abgesehen von den mechanischen Nachteilen dieser Technik ist die Buchform über Jahrhunderte nicht schlecht. Die Jungs konnten was.
      Heute benutzt man ganz andere Techniken, die auf anderen Idealen beruhen. Ein Buch kostet heute sagen wir 10 Euro. Ein Einband beim Buchbinder ist dann ein wirtschaftlicher Totalschaden.

      Wenn Du etwas suchst was Festigkeit in den Rücken bringt, musst Du zuerst mit einem passenden Faden ordentlich heften. Sehr stramm! Du musst auch nicht auf handelsübliche flache Bäder heften. Man kann auch auf Lederstreifen heften.
      Als nächsten Schritt kannst Du den Rücken runden oder gar abpressen. Und jetzt kommt der passende Faden zur Hilfe. Wenn der Faden richtig gewählt wurde, rundet sich das Buch schon fast von allein. Die Steigung am Buchrücken wird dann zu einem Deiner Hilfsmittel um dem Buch Form zu geben. Danach kommt das „Hinterkleben“. Das „Hinterkleben“ kannst Du so dick oder stramm machen wie Du möchtest. Wenn ich Wörterbücher gebunden habe, dann habe ich grundsätzlich mit Halbleinen oder Jeans-Stoff „hinterklebt“. Umso dicker man „hinterklebt“ umso besser wird die Form, aber umso schlechter kann man blättern. Achtung! Das Kapital muss alles wieder verstecken.

      Oh, ich habe das Buchformat vergessen. Querformat ist unvergleichlich schwieriger als Hochformat. Jan Tschicholt (alter Fachmann für Buchgestaltung) hat sich immer böse über wie es sagte „unformatige“ Bücher geäußert. Er hatte einen Grundsatz. Wenn man an der Bushaltestelle steht muss man ein Buch in einer Hand halten und lesen können. Solche Bücher haben dann auch eine bessere Form.

      Jetzt zum Beschnitt der Vorderseite.

      Bei allen was ich bisher über Papier gelernt habe, kann ich nur sagen, das man diesen Effekt nie ganz ausschließen kann. Papier wird in den Fabriken natürlich mit gewissen Toleranzen hergestellt. Die Bestandteile sind in der Menge etwa 5 – 10 % unterschiedlich. Die geringsten Toleranzen gibt es in der Mitte der Papiermaschine. Deshalb ist die sogenannte Mittelbahn das teuerste Papier. Dann kommt dazu, dass die Bogen aus unterschiedlichen Rollen zusammen geschnitten werden. In einem Rollenschneider (das ist die Maschine die Bogen aus den Rollen macht) werden zum Beispiel 5 Rollen parallel zueinander abgewickelt und zusammen geschnitten. Deshalb gibt es bei allen industriell hergestellten Papieren immer einen Rhythmus. Hier im Forum sind viele Industriebuchbinder. Die Leute die Am Rüttler (also vor der Schneidemaschine) stehen sehen diesen Rhythmus ständig. Die einzelnen Bogen haben auf dem Rüttler immer ein unterschiedliches Format. Selbst oder gerade dann wenn das Papier frisch aus der Papierfabrik kommt. Ich arbeite ja oft an Schneidemaschinen. Wenn man eine Lage Papier geschnitten hat und dann umsetzt, bekommt man nie wieder eine so ordentliche Kante wie direkt nach dem Schnitt hin. Sobald man die Lage öffnet gibt es Bewegung.

      Soweit das Papier. Nun zum Buch.
      Praktisch alle Bücher werden irgendwie gedruckt, dann werden Lagen gefalzt und zum Schluss wird das Buch gebunden. Das heißt je nachdem wie gefalzt wurde kommt immer wieder die Oberseite vom Papier auf die ungerade Seite und dann wieder umgekehrt. Du hast also immer im Wechsel Oberseite und Unterseite. Auch hier entsteht ein Rhythmus.
      Wenn das Buch industriell gefertigt wurde kann schon allein durch unterschiedliche Klimatisierung der Bogenteile eine maßliche Veränderung entstehen. Es gibt immer wieder Situationen wo ein Buch ordentlich beschnitten ausgeliefert wird und eine Tage oder Wochen später ist eine Lage im Buch kürzer oder länger. Sieh Dir mal Bücher in einer Buchhandlung an. Die Beschnittkanten sagen viel über ein Buch.
      Dann kommen noch die mechanischen Verhältnisse beim Binden dazu. Fedenheftung, Drahtklammerheftung oder Klebebindung. Jede Bindeart beeinflusst die Position des einzelnen Blattes im Buch unterschiedlich. Beim Runden verhalten sich die inneren Blätter der Lage anders als die Äußeren. Beim Klebebinden werden die Bewegungen durch die Verklebung aller einzelnen Blätter etwas günstiger.

      Jeder hier beschriebene Faktor ist im einzelnem sicherlich sehr gering. Nehmen wir aber alle diese Faktoren zusammen wird ein gefertigtes Buch nie genau und absolut aussehen.

      Wird ein Buch irgendwann repariert, wird es neu gebunden. Nun sind die einzelnen Faktoren teilweise zu vernachlässigen. Aber die Charakteristiken im Papier bleiben für immer bestehen. Und beim Fadenheften wird es auch wieder Bewegung geben.
      Letztlich gibt es beim Reparieren aber einen großen Vorteil. Man kann den Buchblock erst ganz fertigen (heften leimen, runden). Dann ist der Block als solches gefestigt. Nun kann man den Block abbinden und dann schneiden. Ich denke das ist der einzige Weg die Differenzen zumindest etwas zu reduzieren.

      Buntpapier
    • Buntpapier schrieb:

      Danach kommt das „Hinterkleben“. Das „Hinterkleben“ kannst Du so dick oder stramm machen wie Du möchtest. Wenn ich Wörterbücher gebunden habe, dann habe ich grundsätzlich mit Halbleinen oder Jeans-Stoff „hinterklebt“. Umso dicker man „hinterklebt“ umso besser wird die Form, aber umso schlechter kann man blättern.
      Hallo Buntpapier

      Ich habe vorhin eine Frage gepostet (siehe: buchbinderclub.stucknet.de/ind…n/&postID=12517#post12517)

      Erst jetzt habe ich aber gesehen, dass hier eventuell mein Problem gelöst wird durch das Hinterkleben mit Halbleinen oder Jeans-Stoff.

      Könntest du mir ev. hier noch weitere Infos dazu geben? Ev. als Antwort auf meinen obigen Post?

      Liebe Grüsse
      Sukramutu