Temperatur beim Deckenrunden

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    • Temperatur beim Deckenrunden

      Hallo zusammen!

      Zur Einleitung:
      Da ich keinen Zugriff mehr auf eine elektrisch beheizte Rundeschiene habe und das Rundegerät eines großen Buchbinderbedarf-Händlers beim Budget wie auch in Sachen Platzbedarf den Rahmen sprengen würde (leider auch gebraucht keine Option für mich, die Preise sind jenseits von Gut und Böse), steht für den Herbst der Bau einer eigenen Rundeschiene an.

      Im Normalfall fertige ich »handwerkliche« Decken, also mit Rückeneinlage aus Schrenz (600 g) und Natronpapier als Verbindung zu den Deckenpappen. Die Decken werden im Rückenbereich generell mit Einbandgewebe bezogen. Leder wird nicht verarbeitet.

      Meine Frage, bevor ich den Leistungsbedarf der Heizung planen kann, wäre: Welcher Temperaturbereich (ca.) ist für das Runden der Rückeneinlage üblich? Ich kann im Netz leider keine Informationen drüber finden, auch meine relativ umfangreiche Fachliteratur schweigt darüber.

      Vielleicht habt Ihr eine Idee.

      Vielen Dank im Voraus und Beste Grüße, Karsten.
    • Hallo Offizin17,

      hier ein Zitat aus meinen Berufschulaufzeichnungen (lang ist es her):
      ... mithilfe von Infrarot Wärmestrahlen kann der Klebstoff auf 40°C bis 60°C vorgewärmt werden ...
      Gemessen habe ich an unserer Einhängemaschine noch nicht. Wenn mal ein Stau ist, kann man aber die Buchblocks normal aus der Station herausnehmen ohne sich zu verbrennen. Ich würde die dann als "Handwarm" bezeichnen. Wir können auch nicht °C genau die Temperatur einstellen. Es gibt nur aus, Stufe 1 und Stufe 2.

      Gruß
      Bubi2012
    • Hallo @bubi2012, hab Dank für Deine Antwort. Ebenso Dank an @Buntpapier für Deine ausführliche Nachricht.

      Ich habe mir gestern noch mal Gedanken über die ganze Sache gemacht, bin dann zum Baumarkt gefahren und habe dann meine Kleinteile-Kisten durchsucht. Dann habe ich einfach mal losgelegt.

      Zuerst ein Foto meiner selbstgebauten Rundeschiene.



      Aufbau: ein Kupferrohr (d=18mm), zwei billige Baumarkt-Lötkolben a 230 V / 60 W, eine alte Pertinax-Platte, Schraubschellen, Buchbinder-Gewebe zum Isolieren. Die beiden Lötkolben innerhalb des Kupferrohres werden mittels eines Eisenstabes verbunden (also anstelle der Lötspitzen). Auf dem Eisenstab sind normale Schraubmuttern (10er) aufgereiht. Die Pertinax-Platte kommt in den Spannbacken meiner Werkbank und steht somit fest. Nur die Höhe der Pertinax-Platte werde ich noch kürzen, damit auch nichts mehr mitschwingt beim Runden.

      Das Aufheizen dauert relativ lange, nach dem Trennen der Lötkolben vom Stromnetz bleibt die Vorrichtung ca. 15 Minuten sehr heiß. Der Eisenstab sowie die Muttern speichern wohl gut die Wärme.

      Ein erster Test mit einer Probier-Decke verlief vielversprechend. Noch nicht perfekt, aber ich werde mich langsam rantasten:



      Wenn man mal davon ausgeht, dass der Schriftkasten eines Prägegerätes in Abhängigkeit der Pägefolie bis ca. 130 °C heiß sein muss und dass damit auch z.B. Decken mit Bibliotheksleinen geprägt werden, deren Oberfläche aus Kunststoff besteht, so ist dies evtl. schon mal eine Hausmarke in Sachen maximaler Temperatur beim Decken runden. Die Oberfläche des Gewebes soll ja in den Bereichen der Einschläge am Rücken nicht wegschmelzen.

      Meine Vorgehensweise ist: Anheizen, bis der Wassertest (etwas Wasser auf eine Fingerspitze und vorsichtig und schnell auf das Kupferrohr in der Mitte tippen) durch leises Zischen und sofortiges Verdampfen des Wassers anzeigt, dass die Kupferschiene die 100 °C erreicht bzw. überschritten hat. Dann noch gefühlt ein paar Augenblicke gewartet und dann die Lötkolben vom Strom getrennt. Und los kann es gehen, das fröhliche Deckenrunden.

      Dies ist zwar kein Profigerät, aber ich mache höchstens mal drei, vier Decken auf einmal. Dahingehend kann ich damit umgehen. Da ich mein einziger Mitarbeiter bin, sehe ich auch da in Sachen Verletzungsgefahr keine Probleme, solange man wie überall beim Buchbinden achtsam arbeitet. Keine Metallteile an der Schneidemaschine, keine Getränke auf dem Arbeitstisch, keine Papierblumen neben der Heizplatte für die Fileten … ;)

      Wünsche allerseits ein schönes Wochenende, Karsten.
    • Das sieht ja richtig gut aus bei dir @offizin17
      Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dich falsch verstanden habe. Die Temperatur bezieht sich auf die Buchblocks, die zum Runden vorgewärmt werden müssen (z.B. wenn mit Hotmelt abgeleimt). Ich habe mal in der Anleitung nachgeschaut, bis wie viel Grad Celsius die Deckenheizung der Einhängemaschine einstellbar ist. Da steht, dass die Formstempel bis zu 350°C heiß werden können. Wie du geschrieben hast, macht es wenig Sinn, bei z.B. Heißgeprägten Decken soviel Hitze zu verwenden. Mit deinen ca. 100°C bist du aber gut dabei. Bei Gelegenheit werde ich mal den Tipp vom @Buntpapier anwenden und ein Infrarotthermometer auf die Deckenformstation richten und dir dann den gemessenen Wert hier herschreiben.

      Grüße
      Bubi2012
    • bubi2012 schrieb:

      … Bei Gelegenheit werde ich mal den Tipp vom @Buntpapier anwenden und ein Infrarotthermometer auf die Deckenformstation richten und dir dann den gemessenen Wert hier herschreiben.


      Grüße
      Bubi2012
      Super, das wäre sehr nett.

      Ich bin mit solcher Art Maschinen nicht vertraut. Aber ich denke, wenn der Deckenrücken am Stück per Stempel und Gegenstück geformt werden soll, macht so eine hohe Temperatur schon Sinn. Soll ja auch schnell gehen.

      Aber ich würde mich freuen zu erfahren, mit welcher Temperatur eure Deckenformstation arbeitet.

      Beste Grüße, Karsten.
    • Hallo @offizin17

      die Temperatur von der Deckenformstation ist normalerweise auf 140°C. Für die meisten Aufträge muss da auch nicht weiter umgestellt werden. Ein Kollege meinte, dass er die volle Heizleistung (die erwähnten 350°C) nur bei Echtlederdecken benötigte.
      Das im Bild gezeigte Deckenrundgerät hat die Daten 220V/300W.

      Gruß
      Bubi2012
      Bilder
      • Manuelles Deckenrundgerät klein.jpg

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    • Hallo @bubi2012,

      ein ähnliches (manuelles) Rundegerät hatte damals mein Buchbindermeister, nur dass die Schiene schwenkbar war und der Stromstecker bei ihm einen quadratischen Grundriss hatte mit vier Anschlüssen. So konnte man – den Stecker um 90, 180 oder 270 ° gedreht eingesteckt, verschiedene Heizleistungen erzielen.

      die Temperatur von 140 °C bei Eurer Deckenformstation ist somit in der Nähe des Vermuteten. Nach weiteren Test mit meiner Konstruktion stellte sich heraus, dass es durchaus Sinn macht, etwas mehr vorzuheizen als bis zu den vorher erwähnten 100 °C. So kann die Zeit, wo man die Rückeneinlage auf der Heizschiene nur leicht hin- und herreibt, um den Schrenzkarton auf Temperatur zu bringen, etwas verkürzt werden. Ein zu forsches Runden lässt den Schrenz leicht brechen. Logisch.

      Was ich demnächst noch probieren möchte ist, den Schrenz vor dem Runden vorsichtig anzufeuchten. Ich erinnere mich, dass ein Buchbinder aus alter Zeit mir mal diesen Tipp gab. Mal sehen,, ob es etwas bringt. Vielleicht macht das aber nur Sinn, wenn man, wie er damals, die Rückeneinlage mit Knochenleim auf das Hängepapier geklebt hätte,

      Ich habe noch ein Multimeter, das auch einen Temperatur-Messfühler hat. Damit werde ich einfach die Zeit stoppen, bis die Wunschtemperatur erreicht ist. Somit wird das Deckenrunden eine halbwegs nachvollziehbare Angelegenheit.

      Vielen Dank für Deine Mühe!

      Beste Grüße, Karsten.